» Solidarität mit Palästina « Kundgebung am 21. Mai 2021 – unser Redebeitrag

Ich stehe heute hier im Namen des neugegründeten Kollektivs der Judeobolschewiener*innen, einer Gruppe linker Jüdinnen* und Juden in Wien. Wir haben unterschiedliche Hintergründe: jung und alt, religiös und sekulär, aus Österreich, anderen Ländern Europas, Israel, Nordamerika usw. Unser Denken und Handeln ist geleitet von den Prinzipien Doikayt, Freiheit und Solidarität. Doikayt ist Jiddisch und heißt so viel wie „Da-Heit“ – ein Gegenentwurf zur zionistischen Utopie. Für uns bedeutet Doikayt unter anderem, uns gegen die Gleichsetzung von Zionismus und Judentum zu wehren. Gegen die Gleichsetzung von Jüdischsein und zionistisch sein. Egal von wem sie kommt.

Israel gibt vor, für alle Jüdinnen und Juden zu sprechen. Wir sagen: nicht in unserem Namen! Nicht in unserem Namen blockiert Israel seit bald 15 Jahren den Gazastreifen. Nicht in unserem Namen tötet die israelische Armee seit bald 2 Wochen Hunderte Menschen, darunter Dutzende Kinder, ganze Familien im Gazastreifen. Nicht in unserem Namen zerstört die israelische Luftwaffe medizinische Einrichtungen, Schulen, ein Pressegebäude und zahlreiche Wohnhäuser. Wir wollen nicht länger zusehen, wie die traumatische Geschichte unserer Vorfahr*innen dazu verwendet wird, Kriegsverbrechen zu legitimieren. Und wir wollen nicht länger zusehen, wie der Kampf gegen Antisemitismus instrumentalisiert wird, um Palästinenser*innen mundtot zu machen, wenn sie sich gegen ihre Unterdrückung aussprechen. 

Es ist unfassbar zynisch, wenn die österreichische Regierung die Fahne Israels vom Bundeskanzleramt aufzieht – als würde die bedingungslose Solidarität mit dem Staat Israel und seinen Kriegsverbrechen gegen Palästinenser*innen das Täterland Österreich von der Schuld der Shoah befreien. Die ÖVP hat den tief-sitzenden Antisemitismus der christlich-konservativen österreichischen Kultur nie aufgearbeitet und hat Rechtsextreme in die Regierung geholt. Diese ÖVP kann ihren Antisemitismus nur verschleiern, indem sie ihn auf andere projiziert – in diesem Fall auf migrantische Personen, Geflüchtete, Muslim*innen und natürlich Palästinenser*innen. Es ist dieselbe ÖVP, die es nicht als wichtig empfindet, vor ein paar Tagen zur Gedenkfeier anlässlich der Befreiung Mauthausens zu kommen.

Wenn wir sagen, wir wehren uns gegen eine Gleichsetzung von Jüdischsein und Zionismus, dann wehren wir uns ebenso gegen die Gleichsetzung von Antisemitismus und Antizionismus. Es ist kein Hass auf Jüdinnen und Juden, der dazu führt, dass Palästinenser*innen Zionismus ablehnen. Sondern es ist die Nakba, die andauernde Militärbesatzung, die alltägliche Erniedrigung und Gewalt, die regelmäßig und jetzt wieder eskaliert.

Wer Antisemitismus und Antizionismus gleichsetzt, spielt Jüdinnen und Juden und Palästinenser*innen gegeneinander aus. Wir machen da nicht mit. Palästinensische Selbstbestimmung steht nicht im Widerspruch zu jüdischer Selbstbestimmung. Wir wollen unseren palästinensischen Genoss*innen zuhören und von ihnen lernen, was uns in unseren Gemeinden zu oft verschwiegen wird.

Wir wollen gemeinsam auftreten gegen die koloniale Teile-und-Herrsche-Logik, die verschiedene unterdrückte Minderheiten gegeneinander ausspielt. Aus unserer eigenen Geschichte der Verfolgung und der Ermordung unserer Vorfahr*innen, ziehen wir die Kraft, heute an der Seite von Unterdrückten zu stehen.

„Niemals wieder“ bedeutet für uns, nicht zuzulassen, dass irgendjemand auf der Welt aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Ethnizität, Sexualität, Geschlechtsidentität, Religion oder politischen Ausrichtung diskriminiert, verfolgt oder getötet wird. Nicht hier, und nicht in Palästina. 

Wir sind solidarisch mit den Palästinenser*innen, die vor ein paar Tagen einen Generalstreik im gesamten Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan abgehalten haben. Wir sind solidarisch mit den Palästinenser*innen in Sheikh Jarrah, die seit Jahren gegen die ethnischen Säuberungen protestieren. Wir sind solidarisch mit den Palästinenser*innen im Westjordanland, die täglich stundenlang an Checkpoints anstehen müssen, deren Häuser und Schulen von Bulldozern niedergewalzt werden. Wir sind solidarisch mit Palästinenser*innen in Israel, die als Bürger*innen zweiter Klasse leben und in den vergangenen Tagen von rechtsextremen Mobs angegriffen wurden. Wir sind solidarisch mit den Palästinenser*innen in Gaza, die sich seit Jahrzehnten nicht frei bewegen dürfen und nicht frei leben können und nun wieder täglichen Luftangriffen ausgesetzt sind – ohne Zuflucht in Luftschutzbunkern suchen zu können.

Wir sind solidarisch mit den den Palästinenser*innen, die hier auf die Straße gehen und protestieren, weil sie um das Leben ihrer Familie und Freund*innen in Gaza bangen, und deren angemeldeten Demonstrationen immer wieder unter rassistischen Vorwänden behördlich verboten werden. Ihr Protest wird damit in Österreich kriminalisiert.

Wir sind solidarisch mit den Palästinenser*innen überall auf der Welt, denen das Recht genommen wird, jemals wieder in ihre Heimat zurückzukehren. 

Gerechtigkeit für Palästinenser*innen ist auch im Interesse von jüdischen Israelis und allen anderen Menschen, die in Israel-Palästina leben. Denn nur ein Ende der Besatzung, Gleichberechtigung und ein gerechter Frieden können nachhaltig Sicherheit für Palästinenser*innen und Israelis sowie Gastarbeiter*innen und Geflüchtete, die in Israel leben, schaffen. Diese Gerechtigkeit wird kommen! Doch dazu müssen wir gemeinsam aufstehen und uns gegen das israelische Regime stellen. 

Free Palestine!